
Jeder Mensch ist intuitiv und weiß mehr, als er glaubt. Täglich vertrauen wir diesem Gespür, das uns unterwartete und unbekannte Situationen einschätzen lässt. Doch wie kann man dieses schlummernde Wissen im Berufsalltag für sich nutzen? Am 24. Juni bei dem 7. Praxisseminar des PCC | Personal Competence Centers der Select GmbH stellte Dr. Andreas Zeuch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Der Erziehungswissenschaftler und Coach erklärte im Technopark Bruchsal den 35 Teilnehmern mit Hilfe von praktischen Übungen, wie sie Zugang zu intuitiven Prozessen bekommen und ihr Intuition im Berufsalltag besser nutzen und trainieren können.
Jeder kennt das: Die Tür geht auf und eine unbekannte Person kommt herein. Binnen weniger Sekunden wird eine gigantische Maschinerie in uns in Bewegung gesetzt. Wir registrieren unzählige Informationen über die Person – Größe, Haarfarbe, Gesichtszüge, Bewegungsmuster u.v.m. – und ordnen sie sogleich in Schubkästen in unserem Inneren ein. Nach nur zwei bis drei Sekunden ist der erste Eindruck da, der über die weitere Beziehung zu diesem Menschen entscheidet. Das alles geschieht unbewusst. Denn der Mensch kann bis zu elf Millionen Eindrücke pro Sekunde erfassen, aber nur fünfzig davon kann er bewusst aufnehmen.
In einer Partnerübung wurde dieses Phänomen den Teilnehmern verdeutlicht: Einander bislang völlig unbekannte Menschen sollten gegenseitig Einschätzungen und Urteile abgeben, etwa zu Hobbies, Automarken, Wohnungseinrichtung oder Lebensumstände allgemein. Personen, die sich bereits kannten, sollten den Partner mit einem Tier, einer Automarke oder einem Gebäude vergleichen. Die Trefferquote war erstaunlich: Durchschnittlich 80% der Einschätzungen der Teilnehmer waren richtig. Nun mag das daran liegen, dass die Teilnehmer, alles Führungskräfte oder Personalverantwortliche, über eine überdurchschnittliche Menschenkenntnis verfügen. Denn wissenschaftlich ist erwiesen, dass dort intuitiv die besten Ergebnisse erzielt werden, wo eine hohe Expertise vorhanden ist. Doch jeder kennt diesen weisen, aber scheuen „Berater“ aus dem Unterbewusstsein – und um ihn besser und gezielter einspannen zu können, müssen wir ihn besser kennen lernen.
Anpassungsintelligenz
Wie regieren Sie auf häufige und schnelle Veränderungen in Ihrem Unternehmen, deren Auswirkungen sie noch nicht kennen?
Beziehungsmanagement
Wann setzen Sie welche Kommunikativen Insturmente (Fragen, irritieren …) auf welche Weise im Gespräch ein?
Entscheidungsfindung
Was tun Sie, wenn zu wenig oder zu widersprüchliche Daten zum Zeitpunkt der Entscheidung vorliegen?
Geschäftsinstinkt
Wie schaffen Sie es, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein und dort das Richtige zu tun?
Innovation
Kreativität ist nicht nur eine Frage immer neuer Techniken:
Nutzten Mozart, Picasso und Einstein Brainstorming?
Wissensmanagement
Wie transferieren Sie unbewusstes Wissen
(Stichwort: intuitives Modelllernen Meister-Schüler)
Zukunftsgestaltung
Wie bereiten Sie die Zukunft Ihres Unternehmens vor?
Laut Dr. Andreas Zeuch ist Intuition ein Impuls für eine Entscheidung oder Handlung, deren Grund nicht bewusst gemacht werden kann. Es gibt also Erfahrungen, die man erklären kann, und solche, die man nicht erklären kann. Letzteres ist implizites, also unbewusstes Wissen, das robuster, flexibler und schneller ist als bewusstes Wissen. „Nehmen Sie zum Beispiel das Fahrrad fahren: Sie können es, aber können Sie auch erklären, wie es geht, was man tun muss, um das Gleichgewicht zu halten?“, wollte Herr Zeuch wissen. „Das ist Erfahrungswissen, daraus schöpfen wir unser intuitives Wissen“. Wissenschaftlich nachgewiesen ist auch, dass über ungewusste Wahrnehmung entstehende Intuition und Emotionen allgemein eine Voraussetzung für erfolgreiche Entscheidungen sind. So hat der Neurologe Damaso in einer Untersuchung festgestellt, dass ein erfolgreicher Manager nach einer operativen Entfernung eines Hirntumors nicht mehr in der Lage war, richtige Entscheidungen zu treffen. Er konnte nach der Operation nicht mehr erkennen, was wichtig und dringlich war und traf permanent befremdliche Entscheidungen. Schlussendlich war er in seinem Job nicht mehr tragbar, und scheiterte auch in seinen privaten Beziehungen. Wichtig ist demnach die Vernetzung von Gefühl und Verstand: Ohne Emotion können wir keine rational richtigen Entscheidungen treffen. Eine weitere Erklärung für intuitives Verhalten sind die so genannten Spiegelneuronen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass emotionale Befindlichkeiten anderer Menschen von uns neuronal „gespiegelt“ werden. So sind bei Personen, die jemanden bei einem wohl schmeckenden Essen beobachten, die gleichen Neuronen aktiv wie bei dem Essenden. Spiegelneuronen sind also eine Erklärung für intuitive Empathie, sie macht es möglich, zu erkennen, wie sich jemand fühlt.
Das kann man lernen. Und das ist sehr wertvoll beispielsweise beim Personaleinstellungsprozess und bei Mitarbeitergesprächen. Es gilt festzustellen, ob der Bewerber zum angestrebten Job, zum Team, zum Vorgesetzten und zum Unternehmen passt und umgekehrt. Hier spielt Intuition, unbewusstes Wissen eine zentrale Rolle. Ob der Bewerber nämlich zum Team passt, lässt sich nur intuitiv feststellen. Ob sich das Gefühl letztendlich bewahrheitet, zeigt sich erst später in der Praxis. Die meisten greifen bei Entscheidungsprozessen wie Einstellungen auf verschiedene intuitive Methoden zurück. „Manche stellen sich einen Kollegen vor, den sie sehr schätzen, und fragen sich, wie er an ihrer Stelle entschieden hätte.“, regt Andreas Zeuch an. Je fachbezogener eine Stellenbeschreibung ist, desto weniger wichtig ist Intuition: Für einen Buchhalter ist intuitives Wissen bei weitem nicht so wichtig wie für einen Verkäufer.
Doch nicht immer ist auf das Bauchgefühl Verlass. Intuition kann auch zu Fehleinschätzungen führen. Oft handelt es sich dann um das Phänomen der Übertragung. Dabei werden Merkmale einer unbekannten Person unbewusst assoziiert mit den Eigenschaften einer bekannten, meist nahe stehenden Person. Man vergleicht also ungewusst und setzt gleich, ohne erklärbare, nachweisbare Zusammenhänge. Entscheidend ist dann: Ist meine Einstellung zu dieser Vergleichsperson positiv oder negativ besetzt? Dementsprechend zieht man seine Schlüsse und öffnet unterbewusst die passende Schublade, in der die Person verschwindet. Es kommt bei einem derartigen intuitiven Vergleich zu einer subjektiven Verzerrung.
Ausnehmen kann sich kaum jemand davon. „Man hat immer ein bestimmtes Maß an Subjektivität in seinem zwischenmenschlichen Umgang, sonst müsste man sich als Mensch völlig zurücknehmen“, so Dr. Zeuch. Wichtig in diesem Prozess ist, dass man sich selbst gut kennt. So kann man diese Abläufe zumindest erkennen und im besten Fall dagegen steuern.
Bauen Sie Ihre Expertise aus
Experten haben nachweislich eine bessere Intuition: Werden Sie Experte auf einem Gebiet und tun Sie gerne, was Sie tun. Disziplin ist dabei ein wichtiges Hilfsmittel.
Würdigen Sie Ihre Erfahrungen und seien Sie ihnen gegenüber wachsam
Denken Sie dabei nicht nur an Erfolgserlebnisse, aus Fehlern lernt man meist mehr
Üben Sie sich im Anfängergeist
Seien Sie offen für alles und stellen Sie alles in Frage. Machen Sie es wie die Kinder und fragen Sie öfter „warum (muss das so sein)“
Suchen Sie sich Hobbys, bei denen Improvisation wichtig ist
Alles, was Sie lehrt, mit unvorhergesehenen Situationen umzugehen, unterstützt das intuitive Handeln. Wie argentinischer Tango, Musik, Fussball ….
Weitere Informationen finden Sie auch unter www.a-zeuch.de.
© Selectgruppe, Juli 2008
